Als ich über Wahlen nachzudenken begann

Betty Baloo am Di, 23.10.2012 - 01:38
Betty Baloo: Demokratie anders denken

Alles begann mit einer telefonischen Wahlumfrage anlässlich der Gemeinderatswahl 2012, die in der Frage gipfelte: “Wäre am nächsten Sonntag Wahltag, wen würden Sie wählen?” Ich hatte tatsächlich keine für mich sinnvolle “Wahlmöglichkeit” und antwortete: “Betty Baloo!” Der nette Herr am anderen Ende der Leitung: “Aber die steht nicht auf der Liste!” Und ich: “Dann schreiben Sie sie dazu, die wird noch drauf stehen!”

Das war der Beginn meiner politisch motivierten Aktionen anlässlich von Wahlen.

Im Selbstversuch wollte ich erfahren, was so eine Kandidatur mit sich brächte. Gleichzeitig wollte ich zeigen, dass jeder „die Stimme erheben“ darf und kann, wenn er nur wolle, egal wie mächtig (gleichbedeutend mit finanzstark) er in dieser Stadt sei. (Wie lange das noch der Fall sein wird, ist ohnehin eine andere Frage.)

Und weil ich eine Frau der Tat bin, machte ich mich auf, um auf der Strasse die für eine Kandidatur notwendigen Unterstützungsunterschriften zu sammeln.

Nachdem sich bald eine Handvoll „Freiwilliger“ fand nannte sich unsere von einfachen Bürger*innen getragene Liste Betty Baloo Bande.

Während die etablierten Parteien geschützte, witterungsbeständige Areale für sich beanspruchten, um Ihr Wahlprogramm und Ihre Kugelschreiber aus China zu verteilen waren wir mobil auf der Strasse unterwegs und belohnten Unterstützer*innen mit Betty Baloo Busserln - nein, keine Sorge, ich wurde nicht zu- und aufdringlich, ich stand in der Nacht hinterm Herd und produzierte aus biologischen Zutaten rosarote Kokos- und Nussbusserl.

Wer wollte konnte auch einen „Free Hug“, eine kostenlose und gleichzeitig unbezahlbare freundschaftliche Umarmung von mir erhalten. Man glaubt gar nicht, wie gerne die Menschen diese angenommen haben.

Mit dem Slogan: „Wollen Sie mehr Buntheit und Wahlmöglichkeit im Gemeinderat?“ begann ich, mir vollkommen unbekannte Passant*innen anzusprechen. Rund 80 % der angesprochenen Personen gaben mir darauf hin auch schriftliche Unterstützung, was den ohnehin schon enormen persönlichen, körperlichen und zeitlichen Einsatz rechtfertigte.

Viele der Angesprochenen wirkten wesentlich fröhlicher nach dem kurzen Gespräch, als ich sie angetroffen hatte. Viele drehten sich noch einmal um, um mir zu winken und alles Gute zu wünschen.

Das machte Mut! Schliesslich reichten wir innerhalb offener Frist unsere Unterstützungserklärungen beim Magistrat Graz ein.

Unsere Kandidatur war dann in einem Einzeiler in der marktführenden Zeitung zu lesen. In der Sonderbeilage, in der die kandidierenden Fraktionen vorgestellt wurden, hat die Zeitung allerdings niemand von den Neustartern interviewt, was mich zur Idee veranlasste, diesen Mangel in der Wahlberichterstattung in einem offenen, gemeinsamen Brief zu kritisieren und die Zeitung aufzufordern, auch über unsere Programme und Standpunkte zu berichten. Dann versuchte ich unter den etablierten Parteien für diesen offenen Brief Solidarität zu bekommen. Meiner Anfrage zur Mitzeichnung kam lediglich die KPÖ nach, was ich persönlich nie vergessen werde.

Die Zeitungen mussten jetzt reagieren, interviewten uns, schickten Filmteams vorbei, luden uns zur „Elefantenrunde“ ein, wo wir uns und unsere Anliegen als noch nicht Etablierte gerade einmal vorm Publikum 1 Minute vorstellen durften. Zumindest wurde jetzt über uns berichtet, wenn auch in einem äußerst geringen Ausmaß.

Unser 5 Punkte Programm

Mit unserer Arbeit

  • setzten wir uns für die Umsetzung der Menschenrechte ein,

  • nahmen wir uns der Verbesserung der Erwerbstätigkeit an, suchten nach Lösungen zur Überwindung der Erwerbsarbeitslosigkeit und des Arbeitszwanges,

  • wollten wir Verbesserungen im Öffentliche Verkehr für alle thematisieren,

  • wollten wir öffentlichen Raum zurückfordern,

  • verfolgten wir die Ideen des Bedingungslosen Grundeinkommens

konnten wir öffentlich nicht ausreichend thematisieren, weil wir feststellen mussten, dass die Medien grundsätzlich „gekauft“ waren und unser potenzielles Publikum deshalb niemals erfuhr, was uns wichtig war.

Das war eine Erkenntnis, die für die Fortführung unseres Aktionismus aber keine bedeutende Rolle spielte. Unbeirrt dessen, führten wir mehrere Aktionen durch.

Eine davon war „Breastfeeding“. In dieser Aktion wurde und wird das Verlangen nach Nahrung thematisiert. Der Wunsch „gestillt“ zu werden und „stillen“ zu können. Synonym dafür ist wohl nichts Besseres als die Brust. Brust der Brüste, um „gestillt“ werden zu können ist für mich die „Mutter Erde“. Wenn wir also mit Mutter Erde nicht sorgsam umgehen, wie soll sie uns dann stillen? Eine Hommage an unseren Planeten und dafür, dass wir rechtzeitig daran denken, ihn nicht auszuhöhlen und ihn schützen.

Inzwischen hatte ein „alter Bekannter“ der Aktionskoch. Pieter Jan Kat, von Freunden Wam Kat genannt, aus eigenen Stücken seine Mithilfe angeboten. Diese nahm ich gerne an und organisierte „Warme Suppe gegen soziale Kälte“. Wam kam extra aus Berlin angereist und kochte im Niesenbergergarten unter freiem Himmel Suppe. Das war nur eine wunderbare menschliche Begebenheit in diesem Zusammenhang.

Eine andere war, dass ich bei Bauern auf den Märkten und Gemüsehändlern versuchte, nicht verkäufliches, weil nicht mehr wunderbar schönes Gemüse zu schnorren. Ich verfasste ein diesbezügliches Infoschreiben und teilte es an umliegende Gemüsehändler auf Märkten aus. Das Ergebnis lehrte mich auch so viel, das ich für die Zukunft mitnehme. Von den vielen Angesprochenen, die nur wenig hätten beitragen müssen, um Teil des Projektes werden zu können und das Projekt zum Erfolg bringen konnten, hatte sich eine einziger bereit erklärt, mich und uns zu unterstützen. Es war dieser eine „Tashkin“. Als ich hinkam, war für mich so viel zusammen gerichtet, dass ich zweimal fahren musste! Wir konnten an Ort und Stelle gar nicht alles verkochen und konnten Besucher*innen der „Suppenküche“ auch noch einiges für nach Hause mitgegeben werden. Ich bedanke mich noch heute mit meiner Treue bei „Tashkin“, den besten Gemüsehändler in Town!

Meine kleine, doch feine Bande begleitete mich auch wenn ich auf der Straße Passanten fragte: „Wie geht es Ihrem Nachbarn?“ oder „Was sehen Sie, wenn Sie aus dem Fenster schauen?“.

Dabei stellte sich erschreckender Weise heraus, dass viele ihre Nachbarn gar nicht mehr kennen. Für mich ist eine Gesellschaft, die mehr Anteil an den Botschaften des virtuellen Lebens als Anteil am direkt neben dir Lebenden nimmt, eine verarmte. Erste Zeichen von mangelnder Empathie und übersteigerter Egomanie führen zu Missgunst, Neid und letztendlich zu Existenzverweigerung.

Ähnliche Rückschlüsse, jedoch umgekehrt, ließen die Antworten die auf die Frage was man aus seinem Wohnungsfenster sieht, kamen, zu. Zukünftig wird man, wenn es so weiter geht, auch noch für eine Wohnung mit Sonneneinstrahlung mehr zahlen müssen, muss man jetzt schon für eine Wohnung mehr berappen, deren Ausblick grün ist. Inwieweit das ziemlich einschneidend auf die Gesundheit des Menschen Einfluss nehmen wird, diese Untersuchungen lasse ich Wissenschaftlern über.

Gegen die Verschwendung von Steuergeldern und wegen der Absurdität der „Bemalung einer Laufstrecke“ zwischen Klosterwiesgasse und Jakoministraße durch die aber lediglich Straßenbahnen rattern und durch die deswegen keine Person mehr freiwillig geht, protestierten wir mit der Durchführung eines Laufwettbewerbes.

Unseren Abschluss bildete die Aktion „Biokarotten für ein gesundes Miteinander“, bei welcher wir am Betty Baloo Rad einen Korb voller Biokarotten transportieren, welche wir an Passant*innen zu Verteilung brachten und nochmals darauf aufmerksam machten, dass wir als Liste 10 zur Wahl stünden.

Am Wahltag selbst durfte ich samt 3 meiner Bandenmitglieder ins Rathaus kommen, um dort die teuersten Würstel meines Lebens zu essen.

Resümee:

Wir erhielten 192 Stimmen. Menschen aus allen Bezirken stimmten für uns.
Ich habe aus eigener Tasche 1150,-- Euro dafür aufgewendet. Aus fremder, privater Tasche kamen 50,-- Euro. Das bedeutet, dass jede Stimme 6,25 gekostet hat.

Abschließend hat mich dann auch noch einmal die Zeitung angerufen und gefragt, ob ich jetzt traurig sei, worauf ich antwortete: „Nein, denn sehen Sie, würden alle 192 Wähler*innen dieser Aktion vor meiner Haustüre auf mich warten, würden die ein Verkehrschaos erster Güte in der Münzgrabenstraße anrichten!“

Ich bereue nicht, mich „stark“ für allgemeine Anliegen gemacht zu haben!