Raus gehen und sehen

Betty Baloo am Mo, 22.01.2018 - 22:09
Altes Haus in Graz. Wie lange wird es wohl noch stehen?

Wenn ich raus gehe, so wie heute, kann ich die veränderte Welt sehen, weil ich an ihr nicht so achtlos vorbei flitze, als wenn ich selbst ein Auto lenken würde und meinen Blick auf weit entfernte Ziele richten müsste.

Wenn ich raus gehe, so wie heute, muss ich mit Entsetzen feststellen, dass City of Design, immer mehr zu City of (Geld)Schein verkommt und auf mich wie ein Potemkinsches Dorf wirkt, bei dem man - zum eigenen Schutz - nicht hinter die Fassade blicken sollte.

Wenn ich raus gehe, so wie heute, bekomme ich wässrige Augen, weil ich den Dreck in den Gassen wahrnehme, der früher durch regulär Beschäftigte weggeräumt wurde und der zudem damals selten von Menschen versursacht wurde, weil diese eben genau wussten, wie mühevoll es ist, diesen wieder wegzuräumen.

Wenn ich raus gehe, so wie heute, sehe ich so viel an Verwahrlosung und aufgeschobener, unerledigter Arbeit, die früher durch regulär bezahlte Arbeitskräfte erledigt wurde und auf diese Weise die Existenzen unzähliger Familien sicherte.

Wenn ich raus gehe, so wie heute, sehe ich so viele Menschen mit starrem Blick und zerlumpten Schuhen und habe das Gefühl, dass sie Angst haben, gesehen zu werden.

Wenn ich raus gehe, so wie heute, begegnen mir schwer bepackte Schüler und Schülerinnen fremder Herkunft auf schmalen, unsicheren Gehwegen, in baumlosen Straßen und grüßen freundlich.

Wenn ich raus gehe, so wie heute, begegne ich einem Mann auf klapprigem Rad, das unter der Last von Säcken - gefüllt mit dürren Ästen - ächzt und frage mich, ob das die Art von Reichtum ist, die wir uns wünschen.

Wenn ich raus gehe, so wie heute, kann ich in den Genuss einer ungeplanten Tasse Kaffee und eines guten Gespräches kommen und einen Menschen besser kennen lernen.

Wenn ich raus gehe, so wie heute, nehme ich wahr, dass es nicht die schlecht geputzten Fenster im Bus sind, die mir beim Raussehen alles so grau vorkommen lassen.

Wenn ich raus gehe, so wie heute, habe ich das Gefühl, dass kaum jemand vom anderen Notiz nimmt, weil die Sinne durch Dauerberieselung und Dauerinformation - ob durch eigene Geräte, durch Bildschirme in Bussen oder auf öffentlichen Plätzen - blockiert sind.

Ich empfehle deshalb dringend: Geht doch mehr raus, damit ihr einander kennenlernt, um zu erfahren wie das Leben – gerade jetzt – für viele und den einzelnen Menschen wirklich ist ….. und lasst euer „Schiebeding“ zu Haus, das zahlt sich wirklich aus!

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